Das München der 1920er Jahre ist Dreh- und Angelpunkt der „Verschwörung gegen die Republik“. Die Terrororganisation „Consul“ sowie die „Mörderzentrale“ in der bayerischen Einwohnerwehr bekämpft und schüchtert Demokraten ein.  Sie verüben ungesühnt Mordanschläge gegen führende Staatsvertreter sowie gewalttätige Übergriffe gegen Vertreter der Arbeiterbewegung – das Ziel: Abschaffung der Republik und Etablierung eines autoritären Regimes.


Dr. Bernward Anton vom Archiv der Münchner Arbeiterbewegung stellt die historischen Verwicklungen vor – ein Beitrag zum BlogSlam #TagderArchive.


München als Schauplatz des Kampfes zwischen Anhängern und Feinden der Republik Anfang der 1920er Jahre – Ein Lehrstück

Verschwörungstheorien gehören bekanntlich zum wichtigsten Werkzeug und zu den nahezu unverzichtbaren Motivationsmitteln der Feinde der Demokratie. In der Geschichte der Weimarer Republik lässt sich dies idealtypisch nachverfolgen, nicht zuletzt mit Blick, auf den Antisemitismus, den Prototyp einer vielfach anschlussfähigen Verschwörungstheorie, und auf die Dolchstoß-Legende.

Beide Komplexe waren eng miteinander verwoben. Hauptzielscheibe dieser Ideologeme waren der „Kommunismus“ und die parlamentarische Republik. Dieser wurde von „rechts“ von Anfang an jegliche Legitimität abgesprochen.

Im Folgenden soll es darum gehen, dass die Anhänger derartiger Verschwörungstheorien auch bereit und in der Lage waren, selbst regelrechte Verschwörungen zu organisieren. In den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg spielte dabei München eine besondere Rolle: Hier hatten sich frühzeitig Machtstrukturen und Mentalitäten verfestigt, die den Werten der jungen Republik in militanter Feindseligkeit gegenüberstanden. Die Münchener Morgenpost, das Organ der örtlichen USPD, sprach bereits im Oktober 1921 mit guten Gründen von einer „Verschwörung gegen die Republik“. Die Behörden reagierten umgehend auf diesen Warnruf – und verboten das Blatt für mehrere Tage.

Die „Verschwörung gegen die Republik“ – Die Terrororganisation „Consul“ und ihre Pläne

Was hatte es mit dieser „Verschwörung“ auf sich? Bei dieser handelte es sich um ein weit verzweigtes informelles Geflecht von Verbindungen zwischen Polizei, Verwaltung, Justiz, Militär, Wehrverbänden und weiteren einflussreichen Protagonisten. Diese arbeiteten beständig an einer Unterhöhlung der republikanischen Staatsordnung. Die aktivistische Speerspitze dieser Bewegung bildete die berüchtigte Organisation „Consul“, die aus der Marinebrigade Ehrhardt hervorgegangen war. Diese war am sogenannten Kapp-Lüttwitz-Putsch, einem Militärputsch, im März 1920 führend beteiligt gewesen. Nach dessen kläglichem Scheitern hatten sich Ehrhardt und etliche Gefolgsleute nach München absetzen können. Hier verfügten sie unter offizieller Duldung über erhebliche Freiräume (der in Berlin ausgestellte Fahndungsaufruf gegen Ehrhardt kümmerte die bayerischen Behörden nicht).

Ehrhardts Organisation „Consul“ verfolgte den Plan, durch die Ermordung führender Staatsvertreter einen Aufstand der Linksparteien zu provozieren, bei dessen Niederschlagung dann Wehrverbände und reguläres Militär zusammenarbeiten sollten. Am Ende würde im Fall des Gelingens die Errichtung eines autoritären Regimes stehen, das auch in der Außenpolitik wieder in die Offensive gehen sollte.

Erstes Opfer dieses Planes war im August 1921 der ehemalige Reichsfinanzminister Matthias Erzberger. Den beiden Mördern gelang mit Hilfe der bayerischen Polizei die Flucht ins Ausland. Die folgende Aufdeckung der Zentrale der Organisation „Consul“ brachte keinen durchschlagenden Erfolg. Die Organisation war bald zu weiteren Attentaten in der Lage.

Im Juni 1922 folgte die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau. Die Tat wühlte die politische Öffentlichkeit in beispielloser Weise auf. Der Arbeiterbewegung, kurzfristig geeint von der KPD bis zur MSPD, gelang nun eine außergewöhnliche Mobilisierungskampagne. Daran beteiligten sich auch bürgerliche Demokraten vorübergehend. Dennoch verpuffte die Empörung über die Gewalttat weitgehend wirkungslos.

Das vom Reichstag umgehend beschlossene „Republikschutzgesetz“ wurde fast ausschließlich gegen Kommunisten angewendet. Die geforderten personellen Reformen im Staatsapparat unterblieben. Die juristische Aufarbeitung des Attentats geriet zur Farce; die Ermittlungsbehörden zeigten keinerlei Ehrgeiz, die Hintermänner namhaft zu machen oder gar zu belangen. Ehrhardt wurde weiterhin von der Bayerischen Staatsregierung protegiert.

Die „Mörderzentrale“ in der bayerischen Einwohnerwehr

Die beiden sozialdemokratischen Parteien, MSPD und USPD, forderten nach dem Rathenau-Attentat erneut die Einhaltung respektive Sicherung von bayerischer und Reichsverfassung ein. An sich eine Selbstverständlichkeit, zu diesem Zeitpunkt aber bereits ein aussichtsloses Unterfangen. Auf welch verlorenem Posten die Arbeiterbewegung in Bayern als wichtigste – und bald nahezu einzige – Verteidigerin der Republik stand, hatte sich bereits vor den Gewalttaten der Organisation „Consul“ gezeigt.

Postkarte, Gruppenbild der Gauschützen des 9. Bezirks in München anlässlich des Landesschießens der Einwohnerwehren Bayerns, 27. bis 30. Sept. 1920
(AMA, 20.7.4-PKS-B.0.3-001)

Ab Herbst 1920 war es aus dem Umfeld der Bayerischen Einwohnerwehr zu einer Reihe von versuchten und durchgeführten Mordanschlägen gekommen. Bei den Einwohnerwehren handelte es sich um eine formal private, aber staatlich finanzierte Organisation. Diese kam bald nach ihrer Gründung in ein politisches Fahrwasser, in dem sich überzeugte Demokraten vollkommen fremd fühlen mussten. Die Organisation entwickelte unter ihren Anführern Georg Escherich und Rudolf Kanzler ein Selbstverständnis als Bürgerkriegstruppe gegen die Arbeiterschaft. Jegliche Bedrohung der zahlreichen illegalen Waffenlager der Einwohnerwehr interpretierte diese als „Vaterlandsverrat“ und Bedrohung, die mit allen Mitteln zu bekämpfen war. Die daraus entstandenen Gewalttaten verfolgten Polizei und Justiz nicht ernsthaft, da ihre politischen Einstellungen mit denen der Einwohnerwehrführung übereinstimmten.

Die kriminellen Machenschaften der Einwohnerwehr wurden vor allem durch den USPD-Landtagsabgeordneten Karl Gareis ans Licht der Öffentlichkeit gebracht (bereits zeitgenössisch etablierte sich dabei der Begriff „Mörderzentrale“ für die verantwortlichen Kreise). Der einschlägige Untersuchungsausschuss hatte allerdings nur begrenzte Durchschlagskraft, da die Vertreter aller bürgerlichen Parteien keinerlei Interesse zeigten, die Verbrechen aufzuklären. Weite Teile der politischen Öffentlichkeit unterstützen vielmehr die Hetzkampagne gegen Gareis und die Kritiker der Einwohnerwehr. Für Ludwig Thoma war Gareis etwa der „typische Geisteskranke aus der Umsturzzeit“, den man am besten umbringen müsse.

Postkarte, Trauerzug für den Landtagsabgeordneten Karl Gareis am 13. Juni 1921
(AMA, 20.7.4-PKS-B.1.1-001)

Diese Entwicklung führte im Juni 1921 schließlich zur Ermordung von Gareis. Die Täter, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Umfeld der Einwohnerwehr stammten, wurden nie ermittelt. Auch weitere Gewaltverbrechen, die eindeutig der Einwohnerwehr zugeordnet werden können, blieben ungeahndet. Die seinerzeit herrschende Mentalität charakterisierte Rudolf Kanzler später korrekt:

„Zur Zeit der Einwohnerwehrherrschaft war man wenigstens auf dem Standpunkt angelangt, daß die unanständigen und vaterlandsverräterischen Elemente ihres Lebens nicht mehr sicher sein sollten.“

Dieses Ziel erreichten die sich als „national“ verstehenden Kreise durchaus. Morddrohungen und gewalttätige Übergriffe gegen Vertreter der Arbeiterbewegung und besonders gegen Juden waren an der Tagesordnung. Die Täter konnten mit Nachsicht sowie Unterstützung durch die Regierung rechnen.

Verschwörung und Feinde der Demokratie

Kurz gesagt: Terror als Instrument der Innenpolitik zur Bekämpfung und Einschüchterung von Demokraten war bereits in den frühen 1920er-Jahren in Bayern fest etabliert. Elementarste Grundrechte, die eine politische Beteiligung oder auch nur die körperliche Unversehrtheit hätten garantieren können, wurden von den reaktionären Regierungen unter der Führung der Bayerischen Volkspartei gezielt missachtet. Die junge (NS)DAP galt für die Urheber dieser Entwicklung nicht als ernste Gefahr, sondern als potenzieller Bündnispartner im Kampf gegen den „Bolschewismus“.

Damit wurde ein Pfad eingeschlagen, der den Untergang der Republik frühzeitig sehr wahrscheinlich gemacht hat. Am Ende bedurfte es dafür keiner „Verschwörungen“; den Kampf gegen das „System von Weimar“ konnten Hitler und seine Unterstützer ganz offen führen. Die Republik, die sich in ihren Anfangsjahren zu wenig gewehrt hatte, war am Ende vollends wehrlos.

Autor: Dr. Bernward Anton, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V.


Bernward Anton promovierte zur Spaltung der bayerischen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Seit 2014 arbeitete er am „Archiv der Münchner Arbeiterbewegung“ an mehreren Ausstellungen mit. Aktuell bereitet er eine weitere Ausstellung vor, die sich mit dem Zeitraum zwischen 1919 und 1922 beschäftigt. Zu seinen Interessenschwerpunkten zählen neben der Arbeiterbewegung v. a. militärgeschichtliche und wissenschaftsgeschichtliche Themen.


Mit obenstehendem Beitrag beteiligte sich das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V. am BlogSlam zum Tag der Archive, der aufgrund der Corona-Pandemie in diesem Jahr virtuell im Internet stattfand. Sie finden unseren Artikel sowie die Beiträge vieler weiterer Münchner Archive auch auf dem Gemeinschaftsblog „Archive in München“.

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